Interim Management

Europas unterschätztes Transformationsinstrument

Das Interim Management hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten in Europa von einem pragmatischen Instrument der operativen Vakanzüberbrückung zu einem strategischen Steuerungsinstrument entwickelt. Aus theoretischer Perspektive lässt sich diese Entwicklung im Rahmen der Institutionenökonomie und der Organisationssoziologie analysieren, da sie eng mit strukturellen Rahmenbedingungen von Arbeitsmärkten und organisationalen Anpassungsprozessen verknüpft ist.

1. Ursprung und institutionelle Rahmung (1970er Jahre)

Interim Management entstand in den Niederlanden der 1970er Jahre als reaktive Anpassungsstrategie europäischer Unternehmen an restriktive arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen (Winkler, 2006). Die langen Kündigungsfristen und hohen Risiken von Fehlbesetzungen machten temporäre Führungskapazität attraktiv. Aus der Perspektive der Transaktionskostentheorie (Williamson, 1981) kann Interim Management als Instrument betrachtet werden, um die Kosten organisatorischer Fehlentscheidungen zu minimieren und gleichzeitig Flexibilität bei Personalentscheidungen zu erhöhen. In dieser Phase war die Rolle der Interim Manager stark substitutiv: Sie übernahmen operative Führungsaufgaben, ohne strategische Gestaltungsmacht zu entwickeln. Interim Management fungierte als Lückenfüller, der strukturelle Unsicherheiten in der Unternehmensführung kompensierte (Bruns & Kabst, 2005).

2. Expansion und Professionalisierung (1980er–1990er Jahre)

Mit der zunehmenden Globalisierung und dem Wettbewerbsdruck der 1980er und 1990er Jahre verbreitete sich Interim Management in Grossbritannien und den deutschsprachigen Ländern. Unternehmen nutzten es gezielt für Restrukturierungen, Sanierungen und operative Stabilisierung (Goss & Bridson, 1998). In dieser Phase begann die Professionalisierung des Feldes: Provider entstanden, die Interim Manager vermittelten und standardisierte Prozesse entwickelten (Kalleberg, 2000).

Organisational betrachtet entspricht dies einer Institutionalisierungsphase: Interim Management wandelte sich vom improvisierten Notfallinstrument zu einer anerkannten Funktion innerhalb der organisationalen Struktur. Interim Manager agierten zunehmend als Krisenmanager, deren Rolle über die reine Vakanzüberbrückung hinausging.

3. Transformation durch europäische Integration und Globalisierung (1990er–2000er Jahre)

Die europäischen Integrationsprozesse und die Öffnung Mittel- und Osteuropas führten zu einer verstärkten Nachfrage nach Interim Management, insbesondere bei Post-Merger-Integrationen, Privatisierungen und Reorganisationen (Hutzschenreuter, 2009; Reiche, 2010). Interim Manager fungierten hier nicht nur als temporäre Führungskräfte, sondern als Integratoren, die Wissens- und Kulturtransfer zwischen Organisationseinheiten sicherstellten.

Aus organisationssoziologischer Sicht zeigt sich hier die Rolle von Interim Management als Change Agent: Temporäre Führungskräfte werden in formale Strukturen eingebunden, um Transformationen zu implementieren, während gleichzeitig informelle Netzwerke und institutionelle Normen berücksichtigt werden (DiMaggio & Powell, 1983).

4. Strategische Ausrichtung und zunehmende Projektlogik (2000–2010)

Mit der wachsenden Dynamisierung und Verdichtung wirtschaftlicher Prozesse veränderte sich die Funktion von Interim Managern grundlegend: Unternehmen setzten sie gezielt zur Umsetzung strategischer Transformationsvorhaben ein, etwa bei IT-Implementierungen oder Wachstumsvorhaben (Inkson et al., 2001).

Aus Sicht der Ressourcentheorie (Barney, 1991) ermöglicht Interim Management einen temporären Zugriff auf spezifische, knappe organisationale Kompetenzen, die nicht dauerhaft vorgehalten werden müssen. Die Einbindung erfolgt dabei nicht mehr primär kompensatorisch, sondern zielgerichtet zur Realisierung strategischer Massnahmen mit klarer Ergebnisverantwortung.

Die Rolle verschiebt sich in dieser Phase vom Integrator hin zum Veränderungsmanager, der aktiv strategische Initiativen umsetzt und Verantwortung für deren Ergebnisse übernimmt.

5. Struktureller Boom und digitale Transformation (2010–2020)

In den 2010er Jahren beschleunigten Digitalisierung, demografischer Wandel und Fachkräftemangel die Nachfrage nach Interim Management erheblich (BCG, 2014; AIMP, 2018). Interim Manager wurden zunehmend eingesetzt, um Change-Projekte zu implementieren, operative Transformationen zu steuern und Innovationen zu beschleunigen. Die Funktion entwickelte sich zu einer organisationalen Steuerungsfunktion, wobei Interim Manager nicht nur Handlungskapazität bereitstellen, sondern aktiv Veränderungsprozesse steuern.

Hier zeigt sich ein deutlicher Wandel hin zu einer Resulting-Orientierung, bei der Interim Manager konkrete Ergebnisse liefern, anstatt nur beratend zu wirken (Lettmann, 2020).

6. Gegenwart: Strategische Rolle im Kontext organisationaler Resilienz (2020–heute)

Heute wird Interim Management als Instrument der organisationalen Resilienz verstanden (Deloitte, 2022). Unternehmen setzen Interim Manager gezielt ein, um Transformation, Innovation und Reorganisation umzusetzen. Die Rolle ist strategisch geprägt: Interim Manager fungieren als Change Leader und Beschleuniger, die Veränderung operativ und kulturell verankern. Aus institutionenökonomischer Sicht reduziert Interim Management Unsicherheiten, ermöglicht schnelle Anpassung an Umweltveränderungen und sichert Wettbewerbsvorteile.

Die Entwicklung des Interim Managements in Europa lässt sich als funktionale Evolution interpretieren: vom reinen Substitutionsinstrument über Stabilisierung und Integration hin zur strategischen Transformation. Der Übergang von reaktiver zu proaktiver Nutzung illustriert, wie temporäre Führung nicht nur operative Lücken schliesst, sondern gezielt als Steuerungsinstrument für Organisationsveränderung eingesetzt werden kann. Damit ist Interim Management heute Ausdruck organisationaler Agilität und Resilienz und ein integraler Bestandteil moderner Unternehmensführung.

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Dr. Matthias Schweizer hat mehrjährige Erfahrung als Interim Manager. Im Interview spricht er über Herausforderungen, Eignung und Lösungsansätze. > INTERVIEW

Literaturverzeichnis

AIMP (2018). Interim Management in Germany – Marktbericht und Trends. Berlin: AIMP e.V.
Barney, J. (1991). Firm resources and sustained competitive advantage. Journal of Management, 17(1), 99–120.
BCG – Boston Consulting Group (2014). Interim Management in Europe: Market Trends and Strategic Implications.
Bruns, J., & Kabst, R. (2005). Interim Management: A paradox between entrepreneurship and employment. Management Revue, 16(4), 512–524.
DiMaggio, P., & Powell, W. (1983). The iron cage revisited: Institutional isomorphism and collective rationality in organizational fields. American Sociological Review, 48(2), 147–160.
Deloitte (2022). The Rise of Interim Leadership in Times of Transformation.
Goss, D., & Bridson, J. (1998). Understanding the interim manager. Human Resource Management Journal, 8(2), 37–50.
Hutzschenreuter, T. (2009). Management von Unternehmensakquisitionen. Wiesbaden: Gabler.
Inkson, K., Heising, A., & Rousseau, D. (2001). The interim manager: Prototype of the 21st-century worker? Human Relations, 54(3), 259–284.
Kalleberg, A. (2000). Nonstandard employment relations: Part-time, temporary and contract work. Annual Review of Sociology, 26, 341–365.
Lettmann, C. (2020). Interim Management als strategischer Erfolgsfaktor. Hamburg: Springer Gabler.
Reiche, S. (2010). Knowledge transfer in multinationals through temporary assignments. Management International Review, 50(6), 723–742.
Williamson, O. (1981). The Economics of Organization: The Transaction Cost Approach. American Journal of Sociology, 87(3), 548–577.
Winkler, I. (2006). Interim Management: Theorie und Praxis eines neuen Führungsinstruments. München: Hampp.